Sonntag, 28. Juni 2015

Zuckerkrank - was nun?


Ich hielt den Brief mit der Blutanalyse in der Hand, öffnete den Umschlag und las: Nüchtern-Blutzucker 450 mg/dl. Es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Diabetes! Mein Vater hatte seit seinem 60. Lebensjahr Insulin gespritzt, häufig an Unterzuckerung gelitten und während der letzten Lebensjahre kaum mehr als 20 Schritte gehen können, bevor ihn heftige Schmerzen in den Beinen zwangen sich zu setzen. Folgen des Diabetes. Mein Bruder trug während seiner 10 letzten Lebensjahre eine Insulinpumpe, war regelmäßig in der Diabetesabteilung des Kreiskrankenhauses in Behandlung, litt unter offenen Wunden an den Füßen, ein Fuß musste amputiert werden. Folgen des Diabetes.

Ich fühlte mich nicht gut. Was tun?  Ich begann, mich über Typ-2-Diabetes zu informieren, las die Website des englischen Arztes Barry Groves, die Website des schwedischen Arztes Andreas Eenfeldt, hörte auf YouTube einen sechsstündigen Vortrag des kanadischen Arztes Jason Fung über die "Ätiologie des Diabetes", zum Abschluss den fulminanten Vortrag der amerikanischen Ärztin Sarah Hallberg mit dem Titel "reversing type-2-diabetes starts with ignoring the guidelines".

Alle sagten dasselbe: Typ-2-Diabetes ist mit einer kohlenhydratarmen und fettreichen Ernährung heilbar. Ich kaufte mir ein Blutzucker-Meßgerät, aß von jetzt an LCHF (Low Carbon High Fat).

Innerhalb von 3 Tagen einer streng kohlenhydratarmen und fettreichen Kost sank mein Nüchtern-Blutzucker von 450 mg/dl auf unter 200 mg/dl. Euphorisch stürzte ich mich in einen Selbstversuch, aß zu diesem Zweck das Musterfrühstück für Typ-2-Diabetiker nach den VIS-Leitlinien des bayrischen Staatsministeriums für Umwelt- und Verbraucherschutz: 1 Mehrkornsemmel, 1 Scheibe Knäckebrot, 8 g Streichfett, 1 Scheibe Edamer 30% F. i. T., 1 Gurke, 1 Teelöffel Erdbeerkonfitüre. Das Ergebnis: Blutzucker vor dem Frühstück 180 mg/dl, eine Stunde danach 285 mg/dl, zwei Stunden danach immer noch 270 mg/dl.

Am folgenden Tag aß ich ein "englisches Frühstück": Rührei von 3 großen Eiern in viel Butter angemacht, dazu 3 Streifen Frühstücksspeck. Das Ergebnis: Blutzucker vor dem Frühstück 180 mg/dl, eine Stunde danach 190 mg/dl, zwei Stunden danach 180 mg/dl. 

Ein niederschmetterndes Ergebnis für das bayrische Diabetikerfrühstück, ein haushoher Sieg für das englische Frühstück - nach Barry Groves "der gelungendste Beitrag der englischen Kochkunst zur internationalen Esskultur". Den Beitrag meiner Wahlheimat Frankreich zur internationalen Frühstückskultur, bestehend aus 1 Baguette mit Konfitüre, 1 Glas Orangensaft und 1 Tasse gezuckertem Espresso, habe ich dann doch nicht getestet, da Fürchterliches ahnend. 
   
Stattdessen testete ich in selbiger Nacht die Diabetiker-Spätmahlzeit des schon zitierten bayrischen Staatsministeriums: 1 geschälter mittelgroßer Apfel von 120 g. Mein Blutzucker schoss hoch bis unter die Zimmerdecke. Resultat: zu Mitternacht saß ich aufrecht und hellwach im Bett! 

Am Tag des Arzttermins war der Nüchtern-Blutzucker schon auf 160 mg/dl gesunken. Mein Arzt freute sich über die Ergebnisse, riet mir, so weiterzumachen, verschrieb mir Metformin und Lebertran. Metformin vertrug ich nicht, setzte es nach einer Woche ab, wogegen ich mich schnell an den Lebertran gewöhnte.

Nach 2 Wochen war der Nüchtern-Blutzucker auf 145 mg/dl, nach 4 Wochen auf 120 mg/dl, nach 8 Wochen auf stabile 100 mg/dl gesunken. Selbst nach den Mahlzeiten stieg der Blutzucker nie über 130 mg/dl und fiel nie unter 95 mg/dl. Es hatte sich eine stabile Ketose mit 4-5 mmol/L Ketonkörper im morgendlichen Urin eingestellt. 

Meine Ernährung ist abwechslungsreich, schmackhaft und sättigend, sie besteht aus grünem Gemüse, Blumenkohl, Spinat, Sauerkraut, Paprikaschoten, Auberginen, grünen Böhnchen, Gurken, Salaten, Tomaten, Kräutern, Pilzen, Nüssen, Leinsamen, Avocados, schwarzen Oliven, kaltgepresstem Olivenöl, kaltgepresstem Leinöl, nicht-pasteurisierter Butter, Vollfettkäse, -sahne, -quark aus Rohmilch, Eier von freilaufenden Hühnern, fettem Fleisch von Weiderindern, Schweinen, Lamm und Enten, Leber, Speck, Blutwurst, Rillettes, Gänseschmalz, Sardinen, Makrelen, Heringen.

Ich esse nicht: Süßigkeiten, Konfitüre, Torte, Kuchen, Getreideprodukte, Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Müsli, Hülsenfrüchte, Obst, Margarine.

Ich trinke nicht: gesüßte Getränke, Fruchtsäfte, Bier.

Ich trinke: Wasser, ungesüßten Kaffee und Tee, zum Abendessen ein Glas Wein.

Der Diabetes war erstaunlich schnell verschwunden, die Fettleibigkeit schrumpft langsamer aber stetig. Ich zähle keine Kalorien, esse 2-3 mal täglich soweit ich hungrig bin, schlafe gut, bin geistig wach, heiter und ausgeglichen. Ich fühle mich so fit, wie seit vielen Jahren nicht mehr, radle wieder mit Freude längere Strecken, mache wieder lange Strand-Spaziergänge, tanze und singe wieder. 


Wie entsteht Typ-2-Diabetes?

Als zuckerkrank gilt jemand, dessen Nüchtern-Blutzucker 125 mg/dl übersteigt. Über 90% der Zuckerkranken haben Typ-2-Diabetes. Dieser entsteht durch das Essen von Kohlenhydraten bei Insulinresistenz. Das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon Insulin bewirkt bei insulinsensitiven Menschen, dass die Glukosemoleküle, welche durch die Verdauung der kohlenhydrathaltigen Nahrung ins Blut gelangt sind, in die verschiedenen Körperzellen eintreten, wo sie als Brennstoff wirken. Bei Insulinresistenz ist dieser Vorgang gestört. Die Körperzellen lassen dann Glukose nur widerwillig herein, reagieren kaum auf Insulin. Glukose reichert sich im Blut an, worauf die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet. Der Insulinspiegel steigt. Je höher der Insulinspiegel, um so mehr wächst im Laufe der Zeit die Insulinresistenz, um so mehr Insulin wird produziert… Ein Teufelskreis. 

Oft funktioniert dies Spiel über Jahrzehnte, ohne dass der Nüchtern-Blutzucker über 125 mg/dl ansteigt, obwohl er nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten (typisch für "gesunde Mischkost") weit über 200 mg/dl hinausschießt und über Stunden dort verbleibt. Dieses Stadium ist schon eindeutig eine "Zuckerkrankheit", eine folgenschwere Störung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels mit zu viel Insulin und zu viel Glukose im Blut. Ein ständig zu hoher Insulinspiegel führt zu hohem Blutdruck, Leberverfettung und Fettleibigkeit. In der industriellen Schweinemast injiziert man den Tieren Insulin, um sie schneller zu mästen. Diabetiker, welche Insulin injizieren oder Medikamente einnehmen, welche die eigene Insulinproduktion erhöhen, nehmen häufig zu.  

Eine kohlenhydratreiche Ernährung führt bei Menschen mit einer Veranlagung zu Insulinresistenz häufig zu folgender Krankheitsentwicklung: hohe Insulinproduktion, deswegen zu viel Insulin im Blut, dadurch wächst die Insulinresistenz, es erhöht sich der Blutdruck, verfettet die Leber, entwickelt sich Fettleibigkeit und manifestiert sich Diabetes, wenn die Bauspeicheldrüse nach vielen Jahren übermäßiger Beanspruchung weniger Insulin als zuvor produziert.


Gesunder Menschenverstand

Typ-2-Diabetes trat noch vor 100 Jahren sehr selten in Europa auf. Ärzte, deren Patienten aus dem "einfachen Volk" stammten, hatten nicht selten keinen einzigen zuckerkranken Patienten behandelt, wenn sie in Pension gingen. Vor 50 Jahren waren schon 1-2% der deutschen RentnerInnen zuckerkrank, heutzutage sind es 20% und mehr, davon besonders betroffen die "einfachen" Leute. Vor 100 Jahren waren in der Hauptsache die "gebildeten" Reichen zuckerkrank, heute sind es die "ungebildeten" Armen. Deutsche Printmedien titelten deswegen: "macht Dummheit dick und zuckerkrank?" Der bayrische Ministerpräsident wusste die Antwort: "mit mehr Bildung gegen Übergewicht und Diabetes". Offensichtlich ist es nicht jedermanns Sache, zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden zu können. 

Obwohl es vor 100 Jahren noch kein Fremdinsulin gab, gelang es den damaligen Ärzten durchaus, die Zuckerkrankheit ihrer Patienten erfolgreich zu behandeln: durch eine kohlenhydratarme und fettreiche Diät. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Grossvater bis zu seinem Tode 1957 seine Zuckerkrankheit allein mit einer kohlenhydratarmen und fettreichen Ernährungsweise voll im Griff hatte. Er betrieb keinen Sport, verbrachte seine Tage im Garten, machte sonntags mit seinen Enkelkindern einen geruhsamen Spaziergang bis in die Waldschänke, wo er gern Sauerkraut mit Schweinebauch und einen Schoppen Moselwein bestellte, später mit seinen Sangesbrüdern "am Brunnen vor dem Tore" anstimmte, was wir Kinder echt peinlich fanden.

Das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung schreibt zum Thema Ernährung: "früher, als die Therapiemöglichkeiten der Diabetiker noch nicht so flexibel waren wie heute, gab es eine spezielle Diabetesdiät. Diese gibt es heute nicht mehr, die Ernährung der Diabetiker sollte eine gesunde Mischkost sein - so wie sie jeder Mensch essen sollte. Der einzige Unterschied besteht für Typ-2-Diabetiker darin, dass sie wegen ihres meist bestehenden Übergewichts auf den Kaloriengehalt achten sollen. Beim Kochen sollte die verwendete Fettmenge möglichst gering ausfallen und andere fettreiche Lebensmittel sollten nur in geringer Menge eingesetzt werden. Eine fleischarme Ernährung mit viel Gemüse, Salat und Vollkornprodukten ist sinnvoll." 

Klingt, als sei Diabetes eine Krankheit des Fett-Stoffwechsels. 

Es gibt heute keine spezielle Diabetesdiät mehr? Selbstverständlich gibt es sie, heißt "ketogene Diät" und wirkt Wunder bei Typ-2-Diabetes. 


Freitag, 18. Oktober 2013

Verteufelt verführerisch



Teuflische Zwillinge?
Was ist Wahrheit,
was ist Illusion?

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Giordano Bruno



Der Name Galileo Galilei ist fast jedem geläufig, doch wer erinnert sich an Giordano Bruno, den großen Humanisten, Naturphilosophen und Dichter, Sohn Süditaliens und unermüdlicher Wanderer durch Europa? Anders als Galilei nach ihm, hatte er sich nicht mit der "heiligen Inquisition" arrangieren können und verbrannte als Ketzer am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen. Hier einige Zitate aus seinen Schriften:

Wir werden einsehen, dass es nur einen Himmel, eine unendliche Ätherregion gibt, in der diese herrlichen Lichter ihre ihnen gesetzten Entfernungen wahren und am ewigen Leben teilnehmen... So erkennen wir die unendliche Wirkung der unendlichen Ursache, den wahren und wirklichen Abglanz der unendlichen Kraft und brauchen die Gottheit nicht in der Ferne zu suchen, sondern wir haben sie in unmittelbarster Nähe, ja in uns selber; wir leben und weben in ihr; ebenso wie die Bewohner der anderen Welten sie nicht bei uns, sondern in ihrer unmittelbaren Nähe und in sich und sich in ihr haben; denn der Mond ist nicht mehr Himmel für uns als wir für den Mond ... So liegt denn ein tiefer Sinn in den Versen:
Was sucht Ihr das Paradies in der Ferne?
In der eigenen Brust sind Eure Sterne!
***

Also ist das Weltall Eins, unendlich, unbeweglich.
Eins sage ich ist die absolute Möglichkeit.
Eins die Wirklichkeit,
Eins die Form der Seele,
Eins die Materie oder der Körper,
Eins die Ursache,
Eins das Wesen,
Eins das Größte und Beste.
***

Es hindert nichts anzunehmen, dass nach dem Klange der Leier des universalen Apollo (des Weltgeistes) die unteren Organisationen stufenweise zu den höheren berufen werden resp. die unteren Stufen durch Mittelglieder hindurch in die höheren übergehen [...] Die Natur deutet jede species zuerst an, bevor sie dieselbe ins Leben treten lässt. So bildet immer die eine Gattung den Ausgangspunkt der anderen, wie denn von der Gestalt eines Embryo aus ein ununterbrochener Übergang sowohl zu der Gattung Mensch, als zu der Gattung Tier gegeben ist.
***


Die Seele des Menschen ist gleich der Fliegen, Austern, Pflanzen und jedwelchen Dinges, das belebt ist oder Seele hat. […] Ich komme dahin, dass, wenn es möglich oder sich tatsächlich ereignete, dass ein Schlangenkopf sich in die Form eines Menschkopfes bilden und winden würde und die Brust in der diesem Maß entsprechenden Größe wachsen würde, wenn die Zunge sich verlängern, die Schultern sich verbreitern, die Hände und Arme sprießen und am Schwanzende Beine wachsen würden, dass die Schlange dann nicht anders verstünde, erschiene, atmete, spräche, handelte und liefe als ein Mensch, weil sie nichts anderes wäre als ein Mensch. Wie andererseits der Mensch nichts anderes als eine Schlange wäre, wenn er Beine und Arme wie in einem Stock zusammenzöge […], er sich verschlängelte und all jene Gestaltungen der Glieder und Eigenschaften des Körperbaus annähme. Dann hätte er einen mehr oder weniger lebhaften Geist, statt zu sprechen, zischelte er, statt zu laufen, schlängelte er sich, statt sich Häuser zu erbauen, grübe er ein Loch, und dies entspräche ihm mehr als ein Zimmer […] Folglich könnt ihr verstehen, dass es möglich ist, dass viele Tiere über mehr Talent und mehr Geisteslicht verfügen als der Mensch […], aber durch Mangel an Werkzeugen ihm unterlegen sind, wie jener ihnen durch Reichtum und Gabe derselben so weit überlegen ist. [...]
***

Wer richtig urteilen will, muss […] vollständig ablassen können von jeder Glaubensgewohnheit, die er von Kindheit an in sich aufgenommen. […] Die allgemeine Meinung ist nicht immer die wahrste.
***

(Die Zitate sind der Website http://www.bruno-denkmal.de/ entnommen)



Dienstag, 18. Juni 2013

Regentag mit Hofblick


Held und Heldin

Was tut der da?

Da stimmt was nicht

Die junge Tänzerin von gegenüber

Unheimlich, unheimlich...

Der skeptische Freund

So, so...

Mit wem telefoniert er nur ?

Es regnet noch immer
(draußen vor der Tür)

Die Heldin klettert in die Höhle des Bösewichts

Das Beweisstück, der Ehering

Der Bösewicht blickt durch

Geblendet

Und hopp, weg mit dem Held

Da fällt er

Eine neue Liebe gegenüber

Frisch, fröhlich, Freiübungen gegenüber

Oh je, der arme Held

Im trauten Heim, Glück allein am Heldenbett. 
Modeträume...

(ein verregneter Spätfrühlings-Nachmittag
mit Arte und Hitchcocks "Fenster zum Hof")



Samstag, 23. März 2013

Lydia erzählt


Und dann erzählte sie weiter und erklärte mir jedes Haus am Strom, soweit man sehen konnte. „Da — da is das Haus, wo die alte Frau Brüshaber ingiewohnt hat, die war eins so fühnsch, daß ich ’n bessres Zeugnis gehabt hab als ihre Großkinder; die waren ümme so verschlichen … und da hat sie von ’n ollen Wiedow, dem Schulderekter, gesagt: Wann ick den Kierl inn Mars hat, ick scheet em inne Ostsee! Un das Haus hat dem alten Laufmüller giehört. Den kennst du nich auße Weltgeschichte? Der Laufmüller, der lag sich ümme inne Haaren mit die hohe Obrigkeit, was zu diese Zeit den Landrat von der Decken war, Landrat Ludwig von der Decken. Und um ihn zu ägen, kaufte sich der Laufmüller einen alten räudigen Hund, und den nannte er Lurwich, und wenn nu Landrat von der Decken in Sicht kam, denn rief Laufmüller seinen Hund: Lurwich, hinteh mich! und denn griente Laufmüller so finsch, und den Landrat ärgerte sich… un davon haben wi auch im Schohr 1918 keine Revolutschon giehabt. Ja.“ — „Lebt der Herr Müller noch?“ fragte ich. „Ach Gott, neien — he is all lang dod. Er hat sich giewünscht, er wollt an Weg begraben  sein, mit dem Kopf grade an Weg.“ — „Warum?“ — „Dscha … daß er den Mächens so lange als möchlich untere Röck … Der Zoll!“ -

(Ausschnitt aus der Erzählung Gripsholm von Kurt Tucholsky)