Montag, 2. November 2015

Allerheiligen in Montalivet

Ich kam vom Markt,
hatte dort Austern gegessen,
nun geht es den Strand entlang heim

Vom Land weht eine warme Brise,
vom Ozean rollen die Wellen der
Dünung heran.

Sand, Sonne, Meer so weit das Auge reicht.
Ab und zu segeln Möven über mich hin.




Dienstag, 6. Oktober 2015

Feierabend



SIE Hermann ...
ER Ja ...
SIE Was machst du da?
ER Nichts ...
SIE Nichts? Wieso nichts?
ER Ich mache nichts ...
SIE Gar nichts?
ER Nein ...
Pause)
SIE Überhaupt nichts?
ER Nein ... Ich sitze hier ...
SIE Du sitzt da?
ER Ja ...
SIE Aber irgendwas machst du doch?
ER Nein ...
(Pause)
SIE Denkst du irgendwas?
ER Nichts Besonderes ...
SIE Es könnte ja nicht schaden, wenn du mal etwas spazierengingest
ER Nein-nein ...
SIE Ich bringe dir deinen Mantel ...
ER Nein danke ...
SIE Aber es ist zu kalt ohne Mantel ...
ER Ich gehe ja nicht spazieren ...
SIE Aber eben wolltest du doch noch ...
ER Nein, du wolltest, daß ich spazierengehe ...
SIE Ich? Mir ist es doch völlig egal, ob du spazierengehst ...
ER Gut ...
SIE Ich meine nur, es könnte dir nicht schaden, wenn du mal
spazierengehen würdest ...
ER Nein, schaden könnte es nicht ...
SIE Also was willst du denn nun?
ER Ich möchte hier sitzen ...
SIE Du kannst einen ja wahnsinnig machen!
ER Ach ...
SIE Erst willst du spazierengehen ... dann wieder nicht ... dann soll
ich deinen Mantel holen ... dann wieder nicht ... was denn nun?
ER Ich möchte hier sitzen ...
SIE Und jetzt möchtest du plötzlich da sitzen ...
ER Gar nicht plötzlich ... ich wollte immer nur hier sitzen ... und
mich entspannen ...
SIE Wenn du wirklich entspannen wolltest, würdest du nicht dauernd
auf mich einreden ...
ER Ich sag ja nichts mehr ...
(Pause)
SIE Jetzt hättest du doch mal Zeit, irgendwas zu tun, was dir Spaß
macht ...
ER Ja ...
SIE Liest du was?
ER Im Moment nicht ...
SIE Dann lies doch mal was ...
ER Nachher, nachher vielleicht ...
SIE Hol dir doch die Illustrierten ...
ER Ich möchte erst noch etwas hier sitzen ...
SIE Soll ich sie dir holen?
ER Nein-nein, vielen Dank ...
SIE Will der Herr sich auch noch bedienen lassen, was?
ER Nein, wirklich nicht ...
SIE Ich renne den ganzen Tag hin und her ... Du könntest doch wohl
einmal aufstehen und dir die Illustrierten holen ...
ER Ich möchte jetzt nicht lesen ...
SIE Dann quengle doch nicht so rum ...
ER (schweigt)
SIE Hermann!
ER (schweigt)
SIE Bist du taub?
ER Nein-nein ...
SIE Du tust eben nicht, was dir Spaß macht ... statt dessen sitzt du da!
ER Ich sitze hier, weil es mir Spaß macht ...
SIE Sei doch nicht gleich so aggressiv!
ER Ich bin doch nicht aggressiv ...
SIE Warum schreist du mich dann so an?
ER (schreit) ... Ich schreie dich nicht an!!

(LORIOT)

Urteilsbegründung


Die Voraussetzungen des Müßiggangs erfüllt der Lebenswandel desjenigen, der seine Tage mit keinerlei Tätigkeit ausfüllt, die - unter welchen Gesichtspunkten auch immer - als noch irgendwie sinnvoll angesehen werden könnte.

(Oberlandesgericht Düsseldorf 1962)



Samstag, 3. Oktober 2015

mir schwebt


mir schwebt
nichts vor
doch ist
um mich
ein flattern

(ernst jandl)

Freitag, 2. Oktober 2015

Müßiggang oder das aktive Nichtstun



Das hätte ein Grieche zur Zeit des Platon hören müssen, ein Mann im antiken Rom oder ein florentinischer Zeitgenosse der erlesenen Medici: Man hätte ihnen einmal sagen sollen, dass unser Leben durch Arbeit geadelt, versüßt oder sogar geheiligt werde; man hätte ihnen gegenüber behaupten sollen, dass der Inbegriff des menschlichen Lebens in der Leistungssteigerung liege – ich fürchte, all die kulturbegabten und kulturstolzen Leute von einst hätte es geschaudert. Sie wären in Versuchung gekommen, diese Ansicht für eine krankhafte Besessenheit zu halten, eine Form undiskutabler Verrücktheit. Generationen aufgeklärter und produktiver Müßiggänger hätten durch nichts tiefer erschreckt werden können als durch die heute sprichwörtliche Behauptung, nach der Arbeit unser Leben versüßt. Denn sie maßen das Niveau einer Kultur unter anderem auch daran, wie hoch die Muße, das aktive Nichtstun, eingeschätzt wurde.

Galt es einst als Zeichen von Urbanität, von Lebensmeisterschaft, wenn man seine Muße hervorkehren und sie gleichsam als Gewinn „ausstellen“ konnte, so gilt es heute als zeitgemäß, wenn man sich auf seine Arbeitslast beruft, seine Arbeitswut hervorkehrt. Niemand wird übersehen, wie genüsslich überbeanspruchte Leute von ihrer Erschöpfung reden. Die Leute haben nicht mehr ihre Arbeit, sondern die Arbeit hat sie, und je härter und heftiger man schuftet, desto größer sind oftmals die Genugtuungen. In gewissen Kreisen wird denn auch über den Herzinfarkt gesprochen, als handle es sich um einen Ritterschlag, um die Aufnahmegebühr in einen Orden der Rastlosen, der entschlossen ist, sich der Arbeit zu opfern. Wir haben wirklich keinen Grund, über Stachanow zu lächeln; Stachanow ist bereits in uns, er ist eine Schlüsselfigur dieser Epoche, sein Name lässt sich auch amerikanisieren.

Weil die Arbeitswut eine weitgehend internationale Erscheinung ist und ohne Rücksicht auf politische Systeme besteht, darum ist eine Verteidigung des Müßiggangs heutzutage bereits ein müßiges Unternehmen: Es ist verschwendet, es muss wirkungslos bleiben – eine Feststellung übrigens, die nur von einem Mann getroffen werden kann, der seinerseits von der Arbeit besessen ist.

Denn natürlich wird ein leidenschaftlicher Müßiggänger nicht nach Wirkung und Zweck fragen, nach kalkuliertem Nutzen, vielmehr wird er sich gerade für das erklären, was ihm verschwendet erscheint, er wird das Müßige als das einzig Schätzenswerte ansehen. Und das bezeichnet nun auch die Qualität seines „Tuns“. Es ist nicht blinde Geschäftigkeit, die nur die Zeit füllt oder an einem Zweck gemessen wird, sondern schöpferische Nichtarbeit, produktives Träumen, eben: Müßiggang.

Das hat keineswegs etwas mit Faulheit zu tun. Faulheit im einfachsten Sinne ist zunächst nichts anderes als die tatenlose, ermattete Freiheit von der Arbeit: Man lebt ohne Kraft zur Entscheidung wie Oblomow, bis man von sanftem Schlagfluss heimgesucht wird. Dem Müßiggang hingegen liegt eine definitive Entscheidung zugrunde: Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein. Somit ist Müßiggang alles andere als eine Ermattung des Geistes. Der verständige Müßiggänger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu betäuben, da er es durchaus bei sich selbst aushält. Pascals Bemerkung, dass „alle Leiden des Menschen daher kommen, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann“, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das überzeugende Geschenk des Müßiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gewährt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlass wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlussfolgerungen gelangen: Der Müßiggang wird zu einem aufregenden Zustand.

Wenn Oblomow seufzt: „Man schläft, man schläft, und hat nicht mal Zeit, sich zu erholen“, dann ist damit doch gesagt, dass der wahre Müßiggang nicht in den Daunen betätigt werden kann. Der Kenner wird immer darauf aus sein, sozusagen in der Welt müßig zu gehen: An Flüssen und in Kneipen, auf Behörden und belebten Straßen, überall dort, wo anscheinend etwas geschieht. Ausgerüstet mit besonderen Möglichkeiten der Wahrnehmung, wird der Müßiggänger das, was geschieht, in seiner Art befragen und durchschauen, vor allen Dingen aber dem geschäftigen Leerlauf ein Beispiel geben: Ein Beispiel nämlich für den Rückfall in die Weile. Der Überfluss an Zeit, an Weile, ist der sichtbarste Reichtum des Müßiggängers, und indem er ihn zeigt, macht er auch schon unser Verlangen nach Kurzweil fragwürdig. Aber dieser ganz bestimmte Überfluss ist es auch, der eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kultur gespielt hat.

Der zerstreuungssüchtige Konsument, der Abnehmer von Kurzweil, wird bei allem verbissenen Fleiß nie in der Lage sein, Kultur hervorzubringen, da ihm das sublime Nichtstun unbekannt ist. Kultur entsteht immer nur im produktiven Müßiggang, in großen Augenblicken schöpferischer Faulheit. Das ist eine landläufige Ansicht, und wenn wir sie gleichwohl in Erinnerung bringen, so nur deshalb, weil es müßig ist, auf die Vorzüge des Müßiggangs hinzuweisen.

(Siegfried Lenz, 1962)