Donnerstag, 12. Januar 2012

Hymne



Bertold Brecht schrieb dieses Lied 1950. Hanns Eisler vertonte es im selben Jahr. Hier singt und spielt er selbst. Warum nur rührt mich diese alte Tonaufnahme jedesmal zu Tränen? So lauschte ich diesen lieben, langen, graunebeligen Wintertag in mich hinein, dann wieder der Stimme von Hanns Eisler. Die Rührung bleibt. Ich weiß jetzt, warum.


Eine Nacht später:


Ich wachte auch diese Nacht wieder auf. Hoch im Himmel steht die runde Mondscheibe hinter hauchdünnem Nebel. Es liegt ein mildes Licht über meiner Welt. Wie anders doch die gestrige Nacht. Im klaren Sternen- und Mondlicht hatten Pinien und Mimosenbüsche scharfe Schatten geworfen. Hier Dunkel, da Licht, und die Brandung des Ozeans schlug hart auf den Strand. Jetzt ist es ganz still.


"Anmut sparet nicht...". Wieder und wieder gehen mir diese Worte durch den Kopf. Ich verstehe den Sinn nicht. Wie kann man Anmut sparen? An Mut sparen, das verstehe ich. Hat sich B.B. verschrieben? Warum eigentlich heißt dieses Lied Kinderhymne? Es kommt kein Kind darin vor. Soll es von Kindern gesungen werden? Warum singt es ein alter Mann? "Denk ich an Anmut in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht...", kalauert es in meinem verwirrten Hirn.


Ja, um den Schlaf gebracht. "In Europa wird wieder Deutsch gesprochen." "Ab morgen wird zurückgeschossen." Welch Irrsinn!


Diese Anmuthymne kann ich auch wunderbar nach der haydenschen Melodie des Deutschlandliedes singen. Und das Deutschlandlied kann ich wunderbar nach der eislerschen Melodie singen. 


Es kommt mir Kévin in den Sinn, mein 17-jähriger Sohn am anderen Ende des Reiches der Franken, drüben im Elsaß. Glück hat er, in ein französisches Gymnasium zu gehen, sonst müßte er sich  wahrscheinlich in einer Klausur den Kopf über Kinderhymne und deutsche Nationalhymne zerbrechen. Ich habe auch Glück gehabt, mein alter Deutschlehrer war kein Sadist. "Anmut sparet..."nach nur zwei Worten wäre ich am Ende gewesen.


Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wirs,
und das Liebste mags uns scheinen,
so wie andern Völkern ihrs.


Und wieder einmal habe ich Tränen in den Augen.

1 Kommentare:

  1. Lieber Frank,

    Freue mich sehr, dass du mal wieder was eingestellt hast.

    "Anmut" paßt genauso wie "An Mut" - denn beides fehlte den Faschismus- genauso wie den Nachkriegsdeutschen sehr.

    Ich habe sie noch immer vor meinen geistigen Auge, diese groben, übergriffigen, zu Brutalität neigenden, auf ihre Dummheit und Unkultiviertheit auch noch stolzen Protagoniseten des Hitler-Regimes.
    Inkarnationen der Menschenfeindlichkeit und Intoleranz.

    "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt... Von der Maas bis an die Memel...."

    Als ich als Schülerin im Geschichtsunterricht endlich beim "Dritten Reich" angekommen war, wurde mir bewußt, was der Welt geblüht hätte, wenn Nazideutschland den Krieg gewonnen und seine Macht ausgeweitet hätte.

    Grauenhaft.


    Der Text von Hanns Eisler ist ein zutiefst humanistischer Gegenentwurf zu den Endsiegs- und Allmachtsphantasien amoklaufender Kleinbürgerhirne und -herzen.

    Oh - ich fühlte mich in meinen kindlichen Sozialbiotop wie ein Alien.

    "Adolf" und sein Gedankengut war damals noch überall. Und ist leider jetzt wieder häufiger anzutreffen....

    Ich bin so froh, dass ich dem entkommen bin.

    Lieber Frank, danke für diesen Beitrag.

    Herzliche Grüße von
    Angelika Oetken aus Berlin-Köpenick

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